Handwerte. Ein Fotodiplom über seltene Handwerke in Thüringen

Handwerte (2011). Annas Diplom an der Bauhaus-Uni Weimar.

Unsere cydonna hat ihr Diplom an der Bauhaus-Uni Weimar vollbracht. Glückwunsch, Anna! Applaus, Tusch, Konfetti! Es ist ein Fotodiplom zum Thema seltene Handwerke in Thüringen geworden und wir freuen uns, Euch das Projekt hier im Blog etwas näher vorzustellen. Dazu haben wir cydonna ein paar Fragen gestellt. Hier unser Interview mit der frisch gebackenen Diplom Designerin.

Hey Anna, erzähl doch mal bitte kurz, wie Du auf das Thema – “Seltene Handwerke in Thüringen” gekommen bist? Warum Thema Handwerk? Und warum speziell Thüringen?

Das hängt ein bisschen mit meiner Familiengeschichte zusammen: Meine Vorfahren mütterlicherseits stammen aus dem heutigen Tschechien und wurden im 2. Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben. In Tschechien war mein Großvater bereits in der Glasindustrie als Glasbläser tätig und suchte nun nach einer Region in Deutschland, die ebenfalls Glas herstellte. Die Wahl fiel auf Thüringen und so kamen meine Großeltern nach Stützerbach. In den umliegenden Glashütten kam er als gelernter Facharbeiter relativ gut unter. Als mein Onkel alt genug war, ging er ebenfalls in die Glasverarbeitung als Hohlglasveredler. Karl Kutzer lernte mit ihm zusammen diesen Beruf. Er ist einer der Handwerker, die ich während meiner Arbeit besuchte. Dieser Besuch war natürlich ganz besonders interessant für mich und nicht zuletzt waren die Biografien meiner Familie Ausgangspunkt für die Wahl meines Diplomthemas.

Viele der Glashütten im Thüringer Wald sind heute stillgelegt. Es ist nicht mehr viel übrig vom traditionellen Glasmacherhandwerk, für das Thüringen einmal so bekannt war. Ein paar kleine Glasmacher gibt es noch hier und da; die letzte Glashütte kann man in Lauscha finden, wo die Glasschmelze noch aus dem sogenannten Hafen entnommen und an langen Röhren geblasen und geformt wird, so wie es einst mein Großvater konnte. Nicht nur in dieser Handwerkssparte finden sich seltene oder sogar aussterbende Berufe, wie ich schnell feststellte. Zumeist sind die ganz alten, über Jahrhunderte oder Jahrtausende gewachsenen Handwerkszweige von diesem Schwund betroffen. Die Gewerke, die sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt haben, die Regionen unverwechselbar machten, scheinen zu verschwinden. Genau diese Handwerker wollte ich aufspüren und portraitieren. Geografisch nahm ich mir also meine Heimat – Thüringen vor, da ich erfahren wollte, welche Handwerke einst die Landschaften und Kultur geprägt haben und immer noch prägen.

Wen hast Du denn so alles besucht?

Exemplarisch stelle ich in meiner Arbeit 15 verschiedene Handwerksberufe dokumentarisch vor: die Blaudruckerin, den Formstecher, den Gerber, den Glasschleifer, den Leitermacher, den Kürschner, den Büchsenmacher, den Medailleur, den Stockmacher, den Zangenschlosser, den Holzblasinstrumentenbauer, den Messerschmied, den Kamera-Reparateur, den Senfmüller und den Glasbläser. All diese Handwerke waren in den unterschiedlichsten Landkreisen Thüringens angesiedelt. Dadurch kam ich viel herum, was sehr schön war – sogar das Wetter hat fast immer mitgespielt.

Wolfgang Nothnagel arbeitet nur noch ganz allein in seiner Werkstatt, wo er so genannte "durchgesteckte Zangen" herstellt. Durchgesteckt heißt, dass ein Teil durch das andere durchgesteckt wird. Dazu müssen die beiden Teile glühend heiß sein. Eine sehr kniffelige Angelegenheit. Ein Foto von Anna-Lena Thamm.

Gerber Jürgen Stölcker: "Ich bin mit allen Wassern gewaschen." Ein Foto von Anna-Lena Thamm.

Der Titel Deiner Arbeit lautet “HANDwerte” – Du legst also spezielles Augenmerk auf die Hände. Warum war Dir das Abbilden der Hände so wichtig?

Handwerk – das Machen mit den Händen – gehört zu den ältesten Erfahrungen der Menschen. Arbeit war eigentlich immer Arbeit mit den Händen. Sie sind das wichtigste Werkzeug des Handwerkers. Also entschied ich mich für ein Detailfoto der Hände, die ihr Produkt halten oder es gerade herstellen. Mir ging es nicht so sehr um die Bewegung der Hände, sondern um die Oberfläche – um Spuren der Handarbeit an den Händen. Wenn man die entstandenen Fotos vergleichend nebeneinander hält, kann man sehen, wie unterschiedlich die Hände in ihrer Beschaffenheit ausgeprägt sind. Das liegt zum einen natürlich an ihrer individuellen Anatomie, was Größe und Form betrifft; es lassen sich aber auch Rückschlüsse auf die Art der Arbeit ziehen. So sind die Finger des Kürschners sehr fleischig, da er viel Kraft in sie legen muss, um Felle oder Leder zuzuschneiden. Dagegen sind die Hände des Holzblasinstrumentenbauers ausgerichtet auf filigrane Arbeiten. Die Hände des Stockmachers sind verfärbt durch die Gerbsäure, die Fingerkuppe des Leitermachers ging während seines Arbeitslebens durch einen Unfall verloren. Wir erfahren also eine Geschichte zu den jeweiligen Händen, wir sehen welches Produkt sie herstellen und bekommen eine Ahnung davon, was sie leisten können. Sie schaffen Werte und sind wertvoll.

Messerschmied Ernst Sommer auf die Frage, was ihm seine Werkstatt bedeutet: "Das ist eigentlich der Ort, wo ich den größten Teil meines Lebens verbringe." Ein Foto von Anna-Lena Thamm.

"Stockmacher haben immer schwarze Hände, das kommt durch den im Holz bzw. der Rinde enthaltenen Gerbstoff", sagt Michael Geyer, Stockmacher aus Lindewerra. Ein Foto von Anna-Lena Thamm.

Welche Kamera hast Du benutzt?

Die Aufnahmen sind alle digital, mit einer Canon 5D Mark I aufgenommen. Das ist meine bevorzugte Arbeitsweise, neben der analogen Fotografie. Für meine Arbeit war es ideal, da ich nie genau wusste wo ich hin komme und welche Anforderungen auf mich zu kommen würden.

Je nachdem wie viel Platz mir die Werkstatt bot, verwendete ich ein Weitwinkel- oder ein 35mm-Objektiv. Für die Detailfotos der Hände kam ein 50mm-Objektiv zum Einsatz, da hier der Bildausschnitt sehr eng von mir gewählt wurde. Ich arbeitete mit unterschiedlichen ISO-Werten, je nachdem, welche Helligkeit in der Werkstatt vorhanden war. In einigen seltenen Fällen setzte ich zusätzlich einen Reflektor oder indirekten Blitz ein. Mir war wichtig, mit vorhandenen Lichtquellen zu arbeiten, da ich so authentisch wie möglich den Arbeitsplatz abbilden wollte. Es sollte nicht ‚überinszeniert‘ wirken.

Hast Du unter den Fotos der Serie eigene Favoriten? Oder auch einen Lieblingshandwerker?

Lieblingsfotos habe ich auf jeden Fall – die Gezeigten gehören definitiv dazu. Die sind einfach besonders schön geworden was Lichtstimmung und Arbeitsumfeld angeht – manche Werkstätten sahen tatsächlich so aus, wie in der Zeit stehen geblieben.

Was die Frage nach meinen Lieblingshandwerkern angeht – das ist ganz schwer zu beantworten. Die Besuche waren alle spannend und interessant, jeder auf seine Weise. Es war faszinierend mit so vielen verschiedenen Persönlichkeiten Gespräche zu führen. Ich habe immer etwas für mich mitnehmen können. Die meisten Handwerker waren sehr aufgeschlossen mir gegenüber und sind richtig aufgeblüht, als sie über ihre Arbeit redeten. Einen besseren Eindruck vermitteln die in den Werkstätten geführten Interviews, die separat in dem entstandenen Buch abgedruckt sind.
Viele der besuchten Handwerker sind schon ältere Semester, sie denken aber trotzdem nicht daran mit ihrer Arbeit aufzuhören. Die gehört ganz fest zu ihrem Lebensalltag – schließlich verbringen die meisten mehr Zeit in ihrer Werkstatt als in ihrer Wohnung. Einfach nur ‚normaler Rentner’ sein, das können die sich oft gar nicht vorstellen.

Danke, Anna! Hier geht’s zu ihrem Profil und hier zu ihrer Website.

Ihr Fotodiplom ist übrigens auch beim Rundgang der Baughaus-Uni Weimar vom 14. bis 17. Juli zu sehen. Das Buch zur Arbeit mit allen Interviews, die bei den Handwerken entstanden sind, könnt Ihr Euch hier ansehen. Absolut lesenswert!

35 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. Herzlichen Glückwunsch Anna!!!

    Die Idee finde ich super! Das Buch hab ich mir grad bei issu angesehen. Toll!

  2. Herzlichen Glückwunsch Anna! Eine super Idee und sehr krativ umgesetzt.

  3. herzlichen glückwunsch, anna!

    ein schönes thema und eine ganz tolle arbeit!!
    aber von dir, hab ich auch nichts anders erwartet! 😉

  4. Herzlichen Glückwunsch zum Diplom und zu dem genau so interessanten wie wertigen Thema! 😉

  5. beste, beste glückwünsche! sehr schön geworden! am wochenende ist jahresaustellung an da burg

  6. herzlichen glückwunsch zum diplom!
    ein schönes und in unserer wegwerfgesellschaft wichtiges thema hast du dir da ausgesucht.
    habe mir das buch eben kurz angesehen und bin richtig begeistert. und das liegt sicher nicht nur an meinem handwerksberuf, den ich in grauer vorzeit mal erlernt habe… 😉

  7. menno
    da kommen erinnerungen hoch
    da möchte man mal wieder richtig arbeiten
    was mit den händen schaffen . . .

  8. hey anna, meine ganz herzliche gratulation zum diplom. ich habe mir das buch auch angeschaut – du kannst wirklich stolz auf das geleistete sein.

  9. Herzlichen Glückwunsch,

    bei Ärzten schiebt man ja einen Kugelschreiber über den Tisch…und hier?

    Eine SDHC Karte? Keine Ahnung… 😉

    Bin mit dem Thema Industriekultur&Handwerk fest verbunden und begeistert von dem was ich so lese und sehe!

    Respekt, tolle Arbeit und weiter viel Erfolg!

    LG

    Jens

  10. Herzlichen Glückwunsch zum Diplom!

    Schöne Fotos und auch ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Handwerks!

  11. Herzlichen Glückwunsch

    Eine großartige Arbeit zu einem spannenden Thema

  12. tolle Arbeit und beeindruckende Geschichten. Herzlichen Glückwunsch!!!

  13. DANKE euch allen für die Glückwünsche, das ist wirklich schön zu lesen!

  14. Im Bayrischen Rundfunk gibt (gab?) es eine Serie: “Der Letzte seines Standes” mit ähnlichem Tenor, aber mehr allgemeinem Fokus und weniger auf die Hände

  15. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Abschluss!
    Ein persönliches Thema, klasse umgesetzt. Das Buch ist wirklich ansprechend und interessant. Die Fotos mit viel Ausdruck und Stimmung, gerade in ihrer Natürlichkeit.
    Hat mir sehr gut gefallen, weil auch für mich Handwerk große Bedeutung hat und alte Handwerksberufe große Anziehungskraft auf mich haben.
    Einfach schön!

  16. Glückwunsch.
    Habe gerade mal die Arbeit durchgeblättert ( mehr Zeit ist gerade nicht ) – da hast du dir aber richtig Arbeit gemacht. Respekt.

  17. mensch, anna, ich schlafmütze seh das jetzt erst…
    meinen herzlichsten glückwunsch zum diplom! es ist geschafft, du bist sicher froh!
    dein buch hab ich mir durchgeschaut – hut ab! du kannst wirklich stolz auf dich sein!

    die mozza-tomaten heute geh’n auf mich! 😉

  18. Gigantisch!

    Habe mir die Fotos nochmal auf deiner Webseite angeschaut. Einfach zu gut ey!
    Wäre ne feine Sache, wenn davon eine Printausgabe erscheinen würde.

    aloha

  19. Herzlichen Glückwunsch zum Diplom, zur Ausbildungsstätte und dem wunderbar gemachten Diplom-Thema. Klasse! Ich liebe es! Und wünsche dir gaaanz viel Erfolg und Freude mit deiner Arbeit!

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