Schneller Negative und Dias scannen – ganz ohne Scanner

Dies ist ein Gastbeitrag von unserem Fotografen Simon Meisinger, der bei uns unter dem Usernamen smeisinger aktiv ist. Hier geht’s zu seinem Userprofil und hier zu seiner Webseite. Simon ist selbstständiger Grafiker und Webentwickler in Graz und hat außerdem ein Fotografie-Gewerbe angemeldet. In diesem Beitrag erzählt er uns, wie man schneller Negative und Dias einscannen kann – ganz ohne Scanner.

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“unabsichtlich schön” von simonmeisinger – zum Foto

Scannen nervt. Es dauert lange und Scanner tun einfach immer was sie wollen.

Irgendwann hat mich das Ganze so sehr genervt, dass ich mir gedacht habe, warum die Negative nicht einfach mit einer digitalen Kamera abfotografieren?

Im Internet fand ich diverse Blogartikel von Leuten, die diese Idee auch schon mal hatten und sich alle ihre eigenen Hilfsmittel gebastelt hatten, um Negative abfotografieren zu können.

Meine Lösung

Nach einigen Anleitungen kam ich auf meine eigene Lösung: ein Abflussrohr, vorne ein Diarahmen draufgeklebt und hinten das Gewinde eines Objektiv-Filters, um das Rohr an einem Objektiv befestigen zu können.

Licht kommt vom internen Kamerablitz und wird gegen eine Wand geworfen.

Die Qualität ist gleich wie die eines ordentlichen Scanners, aber der Hauptvorteil: es geht echt verdammt schnell. Und wenn Negative falsch eingescannt werden, ist man selbst Schuld, nicht der blöde Scanner.

Das Ganze ist in etwas mehr als einer Stunde selbst gebastelt. Klingt lange, aber das ist auch etwa die Zeit, die man mit einem flotten Scanner braucht, um einen ganzen Film zu scannen. Die Zeit holt ihr später also sehr schnell wieder rein.

Und eines vorweg, für die faulen und handwerklich noch Unbegabteren wie ich es bin: so etwas kann man auch fertig kaufen, nennt sich “Diaduplikator”.

Material

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Nicht zum Gruppenfoto erschienen sind: Beißzange, Teppichmesser, Feile.

Abflussrohr (ca. EUR 1,–)

In meinem Fall 50mm Durchmesser, auf das hintere Ende passt perfekt ein 52mm Filtergewinde, zufällig der Durchmesser sehr vieler Objektive.

UV-Filter (ca. EUR 10,–)

Nehmt einfach den billigsten den ihr finden könnt, das Glas geben wir sowieso raus. Vielleicht habt ihr aber auch einen herumliegen.

Sekundenkleber (ca. EUR 10,–)

Haben viele ohnehin zuhause. Und wenn nicht, ist es sowieso praktisch einen zu haben.

Diarahmen

Wenn ihr gerahmte Dias habt, könnt ihr wohl das eine oder andere weniger Gute aus seinem Rahmen befreien.

Sonst fragt mal in Fotoläden, ob die euch welche in normalen Mengen geben. Ich selbst hab’ mir extra eine 100er Packung gekauft (schreibt mir ein E-Mail, ich schicke euch welche davon).

So Diarahmen sind echt fragil und wir werden daran herumschneiden, kann also gut sein, dass einer bricht. Besorgt euch besser gleich ein paar.

Werkzeug

Wenn ihr etwas nicht habt, halb so wild: ich hab das Ganze schon mal mit einem Brotmesser statt Säge, einem Betonboden statt Schleifpapier und einem Geodreieck statt Zollstab gemacht.

Aber für das Abflussrohr müsst ihr sowieso in den Baumarkt. Kauft euch dabei auch Werkzeug, das kann man sowieso brauchen 😉

Abmessen, sägen, schleifen

Achtung. Die Mindestfokusdistanz wird nicht vom Ende des Objektivs aus gemessen,sondern von dem Symbol an der Kamera, das wie eine durchgestrichene Null aussieht.

Achtung. Die Mindestfokusdistanz wird nicht vom Ende des Objektivs aus gemessen, sondern von dem Symbol an der Kamera, das wie eine durchgestrichene Null aussieht.

Zuerst müsst ihr wissen, wie nahe euer Objektiv fokussieren kann. Bei vielen steht das direkt drauf, wenn nicht, schaut einfach im Internet nach.

Diese Distanz messen wir in etwa aus, um das Abflussrohr dort abzuschneiden.

Schneidet aber nicht direkt bei der Mindestfokusdistanz ab, sondern lasst etwas Spielraum, den werden wir später brauchen.

Unser abgeschnittenes Abflussrohr.

Unser abgeschnittenes Abflussrohr.

Sofern ihr Sägen nicht echt drauf habt, wird euer Schnitt wohl auch nicht gerade sein, so wie bei mir (das linke Teil steht etwas schief). Daher der Spielraum vorhin, denn jetzt schleifen wir das ganze gerade.

Als ich mal kein Werkzeug hatte, habe ich die Schnittstelle auf einem Betonboden gerade geschliffen. Fast so wie MacGyver.

Die Wasserwaagen-App auf meinem Handy zeigt am: “Gerade genug.”

Die Wasserwaagen-App auf meinem Handy zeigt an: “Gerade genug.”

Der UV-Filter

Jetzt kleben wir den UV-Filter mit dem Sekundenkleber an das Rohr. Zuerst sollten wir aber das Glas loswerden, damit sich kein Schmutz im Rohr sammelt, den wir nur mit Mühe hinaus bekommen würden.

Das machen wir mit dem Hammer:

Den Umweg, dass ihr den Ring wieder geradebiegen müsst, nachdem Ihr mit dem Hammer nichtnur das Glas getroffen habt, würde ich euch nicht empfehlen.

Den Umweg, dass ihr den Ring wieder geradebiegen müsst, nachdem Ihr mit dem Hammer nicht nur das Glas getroffen habt, würde ich euch nicht empfehlen.

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Den bei euch hoffentlich intakten Ring kleben wir dann auf den hinteren Teil unseres Abflussrohrs, stellen was Schweres drauf, damit alles gut zusammenhält und lassen das mal eine Zeit lang in Ruhe.

Der Diarahmen

So wird der Diarahmen aussehen, wenn wir mit ihm fertig sind.

So wird der Diarahmen aussehen, wenn wir mit ihm fertig sind.

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Zuerst machen wir den Rahmen links und rechts auf, um später einen Negativstreifen durchziehen zu können. Bei meiner Art Rahmen ging das super, indem ich mit so einer Beisszange einfach “reingezwickt” habe.

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Der innere Bereich von so Diarahmen ist ein ganzes Stück kleiner als ein 35mm-Dia bzw. -Negativ. Wenn wir wirklich das ganze Bild haben wollen, müssen wir das also etwas größer feilen.

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Dann sind da noch so kleine Kanten im Rahmen, die man mit einem Teppichmesser entfernt.

Wenn wir mit dem Rahmen durch sind, kleben wir ihn vorne auf unser Rohr und sind fertig mit basteln 🙂

Wir sind fertig!

So sieht das ganze fertig und angeschraubt aus.]

So sieht das ganze fertig und angeschraubt aus.

Den Diarahmen noch etwas trocknen lassen und ihr könnt eure ersten Tests machen. Vielleicht gehen die Negative noch nicht ganz sauber durch beim ersten Mal – einfach Nachschleifen oder -schneiden.

Das „Scannen“

Nachdem ich die Negative so gut es geht von Staub und Wasserflecken befreit habe, gebe ich den Negativstreifen in den Diarahmen, ziehe ihn Foto für Foto durch und fotografiere die einzelnen Fotos ab.

Das nötige Licht kommt vom internen Kamerablitz und wird gegen eine Wand geworfen, die es schön gleichmäßig zurück refekletiert. Die ISO ist dabei klarerweiße auf den niedrigsten Wert gestellt und die Blende befindet sich irgendwo zwischen f/5.6 und f/11, da die meisten Objektive in dem Bereich die besten Ergebnisse liefern.

Wer Farb-Negative fotografiert, sollte die Kamera unbedingt auf RAW stellen, da wir später einen Weißabgleich machen müssen. Für Dias und Schwarz-Weiß ist es nicht so tragisch, bringt aber natürlich auch hier die üblichen Vorteile.

Was hier im Zeitraffer passiert, hat in Echtzeit keine fünf Minuten gedauert. Fünf Minuten für das Digitalisieren eines kompletten Films. Die Bastelei von vorher hat man also mit wenigen Filmen wieder herinnen.

Was hier im Zeitraffer passiert, hat in Echtzeit keine fünf Minuten gedauert. Fünf Minuten für das Digitalisieren eines kompletten Films. Die Bastelei von vorher hat man also mit wenigen Filmen wieder drin.

Digitale Nachbearbeitung

Der “Scan” direkt aus der Kamera.

Der “Scan” direkt aus der Kamera.

Ein paar Minuten brauchen wir noch – so sehen die unbearbeiteten Ergebnisse direkt aus der Kamera aus. Wäre das ein Dia, hätten wir bereits jetzt ein normales Foto vor uns. Für das Beispiel hier habe ich jedoch ein Farb-Negativ genommen.

Als nächstes machen wir einen Weißabgleich auf den Bereich rund um das Foto, da dieser sattem Schwarz entspricht und invertieren dann die Farben, um ein Positiv zu erhalten (ich selbst mache das alles in Adobe Lightroom).

Sieht bereits nach Foto aus.

Sieht bereits nach Foto aus.

Nachdem wir das Zeug rund um das Foto weggeschnitten haben, passen wir die Kontraste und die Belichtung nach unseren Wünschen an und korrigieren vielleicht noch etwas die Farben, wenn es sein muss. Das übliche Zeug eben.

Klickt auf das Foto, um es in voller Auflösung zu sehen.

Klickt auf das Foto, um es in voller Auflösung zu sehen.

Und wir haben ein richtiges echtes Foto. Inklusive komisch belichtetem Bereich links und einem kleinem Loch im Negativ rechts von der Bergspitze, wie es sich für Filme nunmal gehört 🙂

Fazit

Die Sache klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas umfangreich, aber wenn man das Ganze halbwegs drinnen hat, spart man echt verdammt viel Zeit beim Digitalisieren seiner Negative und Dias.

Ich persönlich habe auf jeden Fall seitdem nie wieder gesagt “Nein, ich kann leider nicht, ich muss heute endlich mal meine Filme scannen.”

Wenn ihr euch mit dem digitalen Teil noch nicht sicher seit, ladet euch einfach hier das RAW-File des obigen Fotos runter und probiert mal einen Weißabgleich zu machen und die Farben zu invertieren.

Häufige Fragen

Aber ich habe keine Digitalkamera.

Dann hol dir eine. DSLRs kosten um die EUR 350,– und ein ordentlicher Scanner so etwa EUR 200,–. Mit der DSLR kann man aber auch noch andere Sachen machen außer Scannen.

Ich habe kein Makro-Objektiv.

Nicht so tragisch. Ich habe mit dem Canon 35/2.0 und der alten EOS 5D (12 Megapixel) begonnen. Ein Kitobjektiv reicht. Aber umso Makro, umso besser.

Farben invertieren? Weißabgleich?

Bei meiner Scan-Methode ist ein halbwegs sicherer Umgang mit Bildbearbeitungssoftware erforderlich. Aber so kompliziert ist es nicht. Kurz ein paar Tutorials zum Thema “Invertieren” und “Weißabgleich” schauen (oder lesen) sollte helfen. 🙂

Meine Fotos werden nicht ordentlich scharf.

Ihr müsst auf jeden Fall mit dem Autofokus arbeiten. Hier geht es um Bruchteile von Milimetern, so präzise sind weder eure Augen, noch eure Finger.

Mit meiner alten Systemkamera habe jedoch ich die Erfahrung gemacht, dass der Autofokus nicht ausreichend präzise war. Das bin ich so umgangen, indem ich das Rohr tatsächlich auf die Mindestfokusdistanz gekürzt und immer so nahe fokusiert habe, wie es die Kamera konnte.

Ihr solltet außerdem einen mittleren Blendenwert wählen, da sind die meisten Objektive am schärfsten. Also etwas im Bereich f/5.6 bis f/11.

Meine Fotos werden zu hell oder zu dunkel

Kontrolliert zu Beginn jedes Bild auf dem Display und schaut ob sattes Schwarz und strahlendes Weiß vorhanden sind, dann passt es meist. Wenn nicht, ändert die Belichtungskorrektur eurer Kamera.

Wenn ihr euch ausgefressene Stellen am Display hervorgehoben darstellen lassen könnt, schaltet diese Funktion ein. Die Löcher der Negative sollten ausgefressen sein, sonst aber nichts.

Die Scans aus meinem Scanner sehen aber bereits sofort gut aus!

Stimmt. Weil euer Scanner selbst entscheidet, wie ein Bild auszusehen hat und euch nicht zeigt, wie das Negativ wirklich aussieht.

Mit dieser Methode bekommt ihr das, was am Negativ wirklich drauf ist. Ist es über- oder unterbelichtet, müsst/könnt ihr das selber ausgleichen. Gleichzeitig werden euch Details in Schatten und Lichtern aber nicht vorenthalten.

Das bedeutet zwar, dass ihr sie so gut wie immer nachbearbeiten müsst, aber gleichzeitig auch, dass ihr die volle Kontrolle habt.

19 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. Das muss ich mal ausprobieren!

    Habe mir vor ein paar Monaten einen Rollei-Scanner gekauft, bei dem wird am Rand aber etwa 10% des Negativs abgeschnitten, was ich gar nicht toll finde. Die Qualität des Scans ist ebenfalls nicht was ich mir wünsche…

    Danke für die Anleitung! 🙂

  2. Du hättest deinen alten Usernamen lieber in MacGyver ändern sollen 😀

  3. hehe, beziehst du dich damit jetzt auf meine Erwähnung von MacGyver im Text oder war das gerade Zufall? 🙂

  4. Super. Ich glaube, daß das ber beste Beitrag im ganzen PC-Blog ist.

  5. Da ich nur digital fotografiere, habe ich den Text nicht gelesen, daher war der MacGyver aus der Rubrik “zwei Doofe, ein Gedanke” 😉

  6. .
    das mit dem abfotografieren von negativen und dias mache ich schon länger, nur nutze ich dafür lediglich ein leuchtpult, ein stativ und eine festbrennweite – mit besten ergebnissen.
    aber deine anleitung ist schön zu lesen, deine begeisterung steckt an … .)

  7. Deine Idee ist vor ein paar Jahren schonmal im Forum rumgegeistert, oder? Ich find’s nach wie vor großartig. Und ich habe damals auch versucht, so etwas in der Art zu basteln. Gescheitert ist es damals an der Problematik, dass ich vor allem Mittelformatnegative und Filme mit Sprocket Holes habe – und damit ein 50mm-Rohr nicht reicht, sondern ich etwa 90mm bräuchte. Ein derartiges Rohr führt wiederum zu der Problematik, dass es einen Schatten in den Kamerablitz wirft. Damit war das Experiment für mich leider gescheitert.

    Mit Times Leuchtpultstrategie hab ich auch schon experimentiert. Nur, dass ich mangels Leuchtpult immer selber gebastelte Lampenkonstruktionen hatte. Und dann immer die Herausforderung, ein gleichmäßiges Licht hinzukriegen. Immerhin sind mit der Methode einige meiner Analogbilder (http://www.photocase.de/collection.asp?m=detail&i=170189) digitalisiert worden.

  8. Das könnte man umgehen, indem man einen externen Blitz verwendet. Wirft der immer noch einen Schatten, Blitzt man eben entfesselt.

    Und wenn man keinen Blitz hat, eignet sich ein Computerdisplay, das komplett weiß anzeigt (ein leeres Browserfenster z.B.) als gleichmäßige Lichtquelle. Das habe ich verwendet, als ich mit der 5D anfing, die keinen eigenen Blitz hat 🙂

  9. Coole Tipps, danke. Und mit den Bildern auch leicht nachzuvollziehen, auch für jemanden, so wie ich, ein Nichtskönner 😛 Danke und liebe Grüße aus Marling Südtirol

  10. Super Anleitung!

    Ich “scanne” auch hin und wieder mit meiner Kamera, aber ohne Rohr und Blitz 😉

    Vielleicht kanns ja wer brauchen:
    Ich nehme einfach einen kleinen Bilderrahmen (ca. Postkartenformat) mit 2 sauberen Glasscheiben wo dazwischen der Negativstreifen liegt. Dann stell ich den Rahmen mit eingeklemmten Negativ vor meinen Bildschirm, der irgendeine weiße Fläche zeigt (zB ein leeres Browser-Fenster). Dann einfach abfotografieren und in PS oder Lightroom wie von dir beschrieben fertig machen.

  11. Sehr gut Anleitung. Danke für die tollen Tipps, sie sind sogar verständlich für Anfänger :). Liebste Grüße aus Vals Jochtal

  12. Waarom zoveel werk als je een kant en klare negativen duplikator voor op de camera kunt kopen ik heb er een

  13. Danke für den interessanten Artikel, gute Alternative zum normalen Scanner 🙂

    Viele Grüße

  14. Tolle Umsetzung! Wie sieht es eigentlich mit der Gefahr, die Negative beim Ziehen zu zerkratzen, aus?

  15. Die Auflösung der Chemobilder (das digitalisierte Winterbild hier hat so etwa 6 Megapixel Auflösung, die Filmvorlage aber offensichtlich noch deutlich weniger) ist so niedrig, dass es auch mit Scanner mit Durchlichteinheit geht.

    Es gibt im interNetz einige Foren, auf denen Leute behaupten, die Scanner mit Durchlichteinheit wie der CanoScan 9000F oder die EPSON Perfection V550 und V370 seien viel zu schlecht.

    Die oben genannten 6 Megapixel pro Bild erzielt man bei einem 24x36mm Kleinbild bereits mit 2000 dpi Scanauflösung. Und das bringen die aktuellen Foto-Scanner von Canon, EPSON und vermutlich auch von anderen Firmen.

    Ansonsten für Leute ohne Durchlichteinheit sicher interessanter Beitrag.

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