Interview: Irinas Reisen Teil II

Letztes Jahr im Winter hatten wir unsere Fotografin Irina hier im Blog über ihre Reise gen Osten, durch Russland bis nach Alaska ausgefragt. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits durch Polen, die Slowakei, die Ukraine und Rumänien gereist. Ganz allein, mit Rucksack, Kamera und einer gehörigen Portion Offenheit und Mut im Gepäck. Sie war in Bulgarien, der Türkei, im Kaukasus, in Kasachstan, Kirgistan, im Osten Russlands und schließlich in Südkorea, bevor sie zurück in Deutschland eine kleine Reisepause eingelegt hat. Hier könnt ihr ihren inspirierenden und mitreißenden Reisebericht nachlesen. Sicher habt ihr euch (wie wir) immer mal wieder gefragt, welche Abenteuer sie seitdem erlebt hat. In unserem aktuellen Interview haben wir sie daher noch mal mit ein paar Fragen gelöchert…

Foto: Irina

Irina im Westen der Mongolei am Har Us Nuur (Schwarzwassersee) (Foto: Irina)

Hi Irina, wie ging es für dich weiter nach deiner kleinen Reisepause? Und was ist seitdem passiert?

Während meiner viermonatigen Reisepause fiel es mir relativ schwer, mich wieder einzugliedern in einen normalen Alltag. Ich fühlte mich eher wie auf der Durchreise und war es ja im Prinzip auch. Dennoch war es danach genauso schwierig, wieder loszufahren und weiter zu machen. War eine merkwürdige Phase und ich würde sie immer irgendwie als Teil der Reise betrachten.

Nach dem finalen Ende meiner Reise im August 2013 fühlte ich mich voller Elan und wollte sofort durchstarten mit einer Doktorarbeit über Waschbären in Georgien. Naja, daraus ist irgendwie nix geworden und im grauen November war meine angesammelte Motivation endgültig verflogen und meine Arbeits- und Perspektivlosigkeit erschien mir endlos. Doch genau dann bekam ich völlig unerwartet einen sehr interessanten, kuriosen Job: Interviewen Sie chinesische Studenten an der Akademischen Prüfstelle der Deutschen Botschaft in Peking für drei Monate! Ok?! Völlig verrückt, aber ein großer Glücksgriff für mich, der mich bereits an die Deutsche Botschaft in Ulaanbaatar/Mongolei geführt hat und im November hoffentlich nach Vietnam und danach wieder für ein paar Monate nach China führen wird. In der Zeit zwischen den Aufträgen reise ich natürlich 😉 Und so befinde ich mich gerade auf dem Rückweg von der Mongolei nach Deutschland. Wie immer backpackend, busfahrend, hitchhikend und couchsurfend.

Erzähl uns doch kurz, welche Länder dich im 2. Teil deiner Reise erwartet haben und was du dort erlebt hast.

Der zweite Teil meiner “Weltreise” führte mich von April bis August 2013 zuerst zwei Monate in die Mongolei, dann einen Monat nach China und dann für einen Monat nach Alaska und ins kanadische Yukon Territory. Und ich würde sagen, dass dieser Teil der Reise wohl der beste war. Ich habe so viele unglaubliche Sachen erlebt und tolle Menschen getroffen. Besonders die Mongolei hat sich genau als das Traumland herausgestellt, als das ich es mir vorgestellt habe – ebenso Alaska und der Yukon. China fand ich als Reiseland nicht so geeignet für mich. Ich habe fast nur Städte besucht. Es war aber trotzdem interessant und es ist ein kulinarisches Wunderland – das beste Essen auf der ganzen Reise. 🙂

In der Mongolei habe ich sämtliche Wildbiologen kontaktiert, die es dort gibt und mit meinem kleinen Interviewprojekt (www.greentrousers.org) offene Türen eingerannt. Ich bekam viele Infos über die laufenden Projekte und durfte eine kurze Zeit sogar beim WWF Mongolia mitarbeiten an deren Schneeleoparden-Projekt. Und so kam es, dass ich eines Tages die unglaubliche Gelegenheit bekam, einer jungen, wilden Schneeleopardin bis auf 20 m nah zu kommen und in die Augen schauen zu können. Das war sicher einer der glücklichsten Momente der ganzen Reise und erscheint mir immer noch sehr surreal. Ebenfalls wunderschön fand ich die Gobi und die generell unendlich erscheinenden Weiten der Mongolei.

In Alaska und im Yukon ging es weiter mit dem Postkartenszenario und Tiersichtungen – dabei waren Grizzlies, ein sehr naher Schwarzbär, ziehende Lachse, ein Buckelwal, Caribous, ein Polarfuchs und Elche. Daher gehört dieser Teil der Erde für mich ebenfalls zu meinen Highlights. Aber dort hatte ich auch die besten menschlichen Begegnungen! Ich bin den größten Teil der Reise mit zwei Israelis zusammen gereist und für uns schien einfach die Sonne, anders lässt es sich nicht sagen 😉 Danach war ich hitch-hikend unterwegs und endete zum Abendessen, einigen Drinks in diversen Bars und zur Übernachtung auf einer Yacht! Und das ungewöhnlichste Couchsurfing Bett lag im Küstenregenwald in Alaska nahe Haines in einem kleinen, offenen Baumhaus! Ach und ich habe eine neue Lieblingsstadt: Dawson City im Yukon. Die Goldgräberstadt sprüht immer noch so vor Abenteuerlust und -geist, es herrscht eine unglaubliche Atmosphäre. Besonders wenn im Sommer um drei Uhr nachts die Sonne immer noch nicht hinter’m Horizont verschwunden ist und man alle 15 Bars und Saloons durch hat… Eine tolle Zeit hatte ich dort. Über den Polarkreis hinaus bin ich auch gekommen und habe mit den First Nations frisches Caribousteak gegessen.

Ich könnte euch stundenlang etwas über diesen Teil der Reise erzählen und hoffe, dass ich das mit Einigen mal live nachholen kann.

In Peking gab es dann ja sogar ein Photocase-Usertreffen, richtig? Erzähl uns doch kurz wie es war und wie es dazu kam.

Ja das war total witzig! Ich hatte im Forum gelesen, dass steffne und seine Freundin nach Peking wollten für einen Kurzurlaub. Zur gleichen Zeit lebte ich schon dort wegen meines Jobs an der Prüfstelle. Also haben wir uns dann kurz vor Ostern 2014 direkt zweimal getroffen. An einem Tag sind wir im Glockenturm-Viertel herumspaziert, bewaffnet mit Atemmasken gegen den üblen Smog und natürlich mit unseren Kameras. Beim zweiten Mal haben wir uns die Verbotene Stadt von einem Hügel aus angeschaut im dunstigen Abendlicht und sind danach bei einem sehr scharfen Hotpot versackt. Schön war’s!

Ein Photocase Usertreffen in Peking. (Foto: steffne)

Ein Photocase Usertreffen in Peking. (Foto: steffne)

Bist du deiner Art zu reisen treu geblieben? Also allein mit Rucksack und vorrangig per Bus, Zug oder Schiff?

Ja, ich präferiere weiterhin diese Art des Reisens. Ich möchte so nah wie möglich an den Einheimischen sein und ihre Art des Umherfahrens teilen. Das heißt, ich nutze immer noch das vorhandene öffentliche Verkehrsnetz, was schonmal bedeuten kann, dass man 2 Tage in einem klapprigen Bus sitzt mit null Beinfreiheit, äußerst holprigen “Straßen” aber 50 super interessanten Menschen. Auf dem Weg ins mongolische Altai spielte man zum Beispiel Karten, Geschicklichkeitsspiele und sang kasachische Lieder oder feuerte den Fahrer an, wenn der “gegnerische” Bus überholt wurde. Ich liebe solche Momente und Geschichten und würde es nicht eintauschen wollen gegen einen bequemen, dreistündigen Flug. Nach Alaska musste ich allerdings fliegen. Schiffe gibt’s sicher auch, waren aber für mich unbezahlbar.

Und in Sachen Fotoequipment? Bist du jetzt auch mit Digitalkamera unterwegs? Und wie macht sich das auf Reisen, so vielleicht nicht immer eine Steckdose zum Kamera aufladen in der Nähe ist. Hast du irgendwelche Tipps und Tricks?

Ja, ich habe mir tatsächlich eine Digitalkamera zugelegt (Panasonic Lumix LX7). Ich vermisse meine analogen Kameras aber schon manchmal, ihr Gewicht jedoch nicht. Ich werde die analogen weiter auf Kurztrips nutzen und “Zuhause” (wo auch immer das ist). Das mit dem Akku aufladen ist gar nicht so ein großes Problem. Zum einen hält meiner recht lang, da ich nicht sooo viel fotografiere und zum anderen findet man immer irgendwo irgendwelche Hirten oder Leute, die Strom haben. Zur Not auch mal in einem kleinen Tante-Emma-Laden. Erst kürzlich haben mir zwei russische Jungs geholfen. Ich fuhr mit ihnen per Anhalter und wir mussten eine Nebenstrecke rein und rausfahren wegen einer Lieferung, die sie dort abzugeben hatten. In dem Dorf an der Hauptstrecke kannten sie die Köchin der örtlichen Stolowaya (Imbiss), die dann meinen Akku da behielt. Auf dem Rückweg war er wieder voll und unsere Mägen dann ebenfalls 🙂 Fazit: Einfach nur Leute ansprechen und fragen – es wird einem bestimmt geholfen. Manchmal frage ich mich, ob das in Deutschland wohl auch klappen würde.

Was steht als nächstes auf deinem Plan? Wo geht es hin und was wirst du dort machen? Gibt es neue Sehnsuchtsorte?

Momentan befinde ich mich wie gesagt wieder auf Reisen – auf dem Landweg von Ulaanbaatar nach Berlin. Ich habe bereits das mongolische und russische Altai durchquert und bin quasi auf dem Sprung nach Moskau und St. Petersburg, ein bisschen Kulturprogramm. Danach holt mich ein Freund mit seinem Motorrad in Tallinn ab und wir fahren durch’s Baltikum und Polen zurück nach Berlin – zur Info: Ich bin Ende Juli kurz da. Danach fliege ich nach Israel und besuche die beiden Jungs, die ich in Alaska kennengelernt hatte. Ende August bin ich dann wieder in Berlin für ein paar Wochen. Im November geht es dann zum Arbeiten nach Vietnam und dann wieder nach China über den Winter.

Neue Sehnsuchtsorte sind nicht hinzugekommen, aber es gibt noch genug alte, die es abzuklappern gilt 🙂 Zum Beispiel würde ich sehr gerne mal nach Island, Grönland, nach Chukotka und Kamchatka, Schottland, die skandinavische Polarregion und ich war immer noch nicht auf den Aleuten…

Dank meines Jobs kann ich weiterhin mehrmonatige Reisen machen. Ob ich das aber für die nächsten zehn Jahre so machen will, weiß ich nicht. Es ist auch schön ein Zuhause zu haben. Das habe ich allerdings noch nicht gefunden…

Hier noch ein paar fotografische Eindrücke von ihrer Reise:

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“Oasis” von Irina – Zum Foto

Das Bild entstand in einem kleinen Oasendorf in der mongolischen Wüste Gobi, ganz im Südwesten des Landes. Es ist eigentlich ein Schwarzweißbild. Ich habe es mit meiner Boxkamera aufgenommen und das Negativ danach digital abfotografiert durch ein Bochumer Fenster mit Abendhimmel im Hintergrund. Die dadurch hinzugekommenen Farben geben dem Ort genau die Atmosphäre die dort herrschte: warm, sandig und manchmal flirrend dunstig, irgendwie einsam und doch belebt.

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“Mongolia Hiking” von Irina

Noch im Kaukasus hatte ich ziemliche Höhenangst, doch während der Arbeit mit dem WWF musste ich steile Geröllhänge auf 2500m rauf und runterlaufen und die Gegend ohne erkennbare Wege nach Schneeleopardenspuren absuchen. Es war körperlich anstrengend mit den mongolischen Kollegen mitzuhalten und zudem war es mir doch recht mulmig angesichts solcher Abhänge. Doch nach zwei Tagen war ich von meiner Höhenangst irgendwie kuriert. Wahrscheinlich weil die Mongolen so eine Ruhe und Sicherheit ausstrahlten und so natürlich mit ihrer Umgebung umgingen, das sich das einfach auf mich übertrug 🙂

Herzlichen Dank, Weltenbummlerin Irina! Hier geht’s zu ihrem Userprofil.

Interview: an.ne
Fotos: Irina, steffne

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