Tischlein deck dich: 6 Tipps für unschlagbar tolle Foodfotos von Gortincoiel

Wir haben eine Schwäche für gutes Essen. Und für schöne Fotos. Und für schöne Fotos von gutem Essen, das liegt ja auf der Hand. Doch wie hält man kulinarische Höhepunkte eigentlich am besten fotografisch fest? Wie gelingt es, den Appetit des Betrachters zu wecken? Wir haben unsere Fotografin Gortincoiel gefragt und sie hat 6 großartige Tipps zusammengestellt.

Virgin Daiquiri – zum Foto

Mit der Fotografie habe ich 2004 begonnen und erst relativ spät, nämlich 2009, habe ich angefangen, mich besonders mit Food als Motiv zu beschäftigen. Nach den ersten holprigen Versuchen war mir aber schnell klar, dass ich mich in diesem Bereich sehr wohlfühle. Mittlerweile ist eine regelrechte Leidenschaft für die Foodfotografie entstanden. Seit etwa 2 Jahren ist dies der Schwerpunkt meiner fotografischen Tätigkeit. Die Gründe sind vielfältig: Essen wird mir nie langweilig, es gibt eine Fülle an Motiven, die man immer wieder auf eine neue Art und Weise darstellen kann, und was besonders wichtig ist: Food ist einfach immer verfügbar und ohne größeren organisatorischen Aufwand zu arrangieren.

Bei meiner Arbeit lege ich besonderen Wert auf Natürlichkeit. Ich verwende fast ausschließlich Tageslicht und nutze dafür ein Stativ und einen Fernauslöser. Meine Arrangements sind alle vollständig essbar. Ich verwende keinerlei Dummys o.ä. und achte auch bei den Requisiten (auch „Props“ genannt) darauf, keine plastikhaltigen Gegenstände einzusetzen. Besonders gerne arbeite ich mit natürlichen, rustikalen, alten Requisiten, die fast schon eine eigene Geschichte erzählen könnten.

Meine 6 Tipps für wunderschöne Foodfotos:

1) Licht

Die besten Bilder gelingen tatsächlich nicht mit Aufbauten von komplexen Lichtanlagen, Blitzen und Softboxen, sondern schlicht und einfach mit Tageslicht. Natürliches Licht gibt den Bildern eine ebenso natürliche Wirkung. Alles, was man benötigt, ist ein Fenster ohne direkte Sonneneinstrahlung, ein Stativ (um unabhängig von Belichtungszeiten zu sein) und im Idealfall einen Fernauslöser (um Verwacklungen zu vermeiden). Ein Reflektor, z. B. in Form einer einfachen Styroporplatte kann zudem helfen, störende Schatten aufzuhellen. Ganz ausschalten sollte man den internen Blitz. Die Arbeit mit Kunstlicht erfordert viel Erfahrung, damit sie natürlich wirkt und ist für Einsteiger daher nicht zu empfehlen.

2) Konzept

In der Foodfotografie ist es – wie generell in der Fotografie – oft hilfreich, mit festen Bildkonzepten zu arbeiten. Das bedeutet, man gibt den entstehenden Fotos ein zuvor festgelegtes Thema und fotografiert sein Motiv unter diesem Gesichtspunkt. Alles, was mit der Entstehung der Bilder zu tun hat, wird an dieses Konzept angepasst, von der Auswahl der Requisiten über die Lichtstimmung und Perspektive bishin zum Motiv selbst. Beispiele für solche Konzepte könnten sein „natürliche Bioprodukte“, „saisonale Küche“ oder aber auch Farbkonzepte.

3) Requisiten

Mindestens genau so wichtig wie das Motiv selbst sind die „Props“. Sie sollten zu dem Bildkonzept passen und untereinander stimmig sein. Ein Teller mit Goldrand von Omas Geschirrservice passt nicht zu einem modernen Besteckset von Ikea. Generell achte ich bei meinen Fotos drauf, möglichst Gegenstände zu verwenden, die entweder neutral, natürlich oder so alt sind, dass sie einen eigenen Charme haben. Abgenutzte alte Holztische haben als Unterlage eine ganz andere Wirkung als eine glatt polierte Tischplatte in moderner Buchenoptik. No-Gos sind für mich z. B. aufgedruckte Figuren, Aufschriften, billig anmutende Muster, Plastik oder unpassende Gegenstände.

4) Perfekte Imperfektion

Hat man früher viel Wert auf möglichst saubere und perfekt drappierte Foodfotos gelegt, geht der Trend in der Foodfotografie heute immer mehr in Richtung Natürlichkeit und authentische Szenen. Die Bilder sollen „echt“ wirken, als seien sie zufällig beim Kochen, Cocktailmixen oder Einkaufen entstanden. Dahinter steckt jedoch meist ein sehr gezielter, durchdachter Bildaufbau, der nur den Anschein erweckt, beiläufig und nicht sonderlich achtsam entstanden zu sein – eben die perfekte Imperfektion. Der Keks darf gerne krümeln oder gar angebissen bzw. zerbrochen abgebildet werden; bei Soßen ist der Klecks, der danebenging, fast schon obligatorisch. Bilder müssen nicht mehr per se „sauber“ und aufgeräumt sein.

5) Emotionalität wecken

Essen ist ein hoch emotionales Thema, das (fast) jeden Menschen anspricht. Möchte man Foodbilder so aufbauen, dass sie den Betrachter direkt ansprechen, bedient man sich häufig der folgenden Leitlinien. Es wird versucht das Food so abzubilden, wie ein potenzieller „Esser“ es vorfinden würde: fertig portioniert und bereit gegessen zu werden. Die Perspektive entspricht dabei dem natürlichen Winkel, mit dem man die Speisen/Getränke betrachten würde, säße man am Tisch. Das Stück Kuchen liegt schon auf dem Teller, im Hintergrund der Rest der Torte (unscharf), die Gabel liegt griffbereit daneben. Der Betrachter bekommt so den Eindruck, er müsse sie nur noch nehmen und könnte das leckere Dessert dann sofort verspeisen.

6) Komposition

Wie auch bei Nonfoodbildern ist bei Foodbildern der Bildaufbau ein ganz entscheidender Punkt. Übliche Gestaltungsregeln wie (A-)Symmetrie, Goldener Schnitt oder eine ungerade Anzahl an Objekten gelten auch hier. Lebendigkeit und Spannung kann man beispielsweise durch die Darstellung verschiedener Ebenen schaffen. Viele Bilder leben gerade von ihren Unschärfebereichen, die durch die Nutzung relativ weit geöffneter Blenden erreicht werden kann. Auch Bewegung (z. B. herabrieselnder Puderzucker, eine sich bewegende Hand oder eine fließende Soße) bringt Stimmung in ein Stillleben. Zudem sollte der Bildaufbau an das Motiv angepasst werden. Eine flache Pizza fotografiert man am besten aus der Vogelperspektive. Eine hohe Flasche Saft kommt besser durch eine flachere Perspektive zur Geltung usw. Darüber hinaus sollten alle abgebildeten Gegenstände für das Bild eine relevante Information enthalten. Sämtliches Beiwerk, das nichts Essentielles zur Bildstimmung und -wirkung beiträgt, stört im Zweifel mehr als dass es nutzt.

Ein kleiner Leitfaden, der das Ganze zusammenfasst, könnte das Wort KARRE sein. Es steht für Konzept, Authentizität, Relevanz, Realität und Einzigartigkeit.

Hier 2 konkrete Beispiele:

"Made with Love" von Gortincoiel

“Made with Love” – zum Foto

Dieses Foto entstand Ende 2012 im Rahmen eines Foodfotoworkshops in Hamburg – entgegen der sehr auf Planung und Vorbereitung ausgelegten Tipps oben ausnahmsweise mal ganz spontan. Mir fiel auf, dass eine der Teilnehmerinnen ein Kleid trug, welches die gleiche Farbe hatte wie der Fruchtteil in den Muffins. Also wickelte ich das süße Teil in Backpapier, knuddelte es ein wenig zurecht, drückte ihr den Muffin in die Hände und fotografierte. Mein Model stand direkt am Fenster, Licht kam also direkt von rechts durch das Schaufenster. Das Konzept war hier die Farbwiederholung von Frucht und Kleid. Die weit geöffnete Blende und die somit sehr weich verlaufende Un-Schärfe passt zu der liebevoll anmutenden, sanften Geste.

Hier die Eckdaten zum Foto: Nikon D7000, 50mm 1.8, ISO 500, Blende 2.0, Verschlusszeit 1/60

"Satsuma" von Gortincoiel

“Satsuma” – zum Foto

Dieses Bild entstand ebenfalls Ende 2012. Die Clementinen hatten Blätter und Stiele, (was beim Kunden den Eindruck von Frische erwecken soll). Dadurch erscheint es, als seien sie gerade erst frisch gepflückt worden. Das Konzept hier war Natürlichkeit. Das alte Holz, die durch die Bearbeitung herausgearbeiteten Kontraste und die leicht düstere Lichtstimmung unterstützt die rustikale, naturnahe Wirkung.

Hier die Eckdaten zum Foto: Nikon D7000, 60mm 2.8, ISO 100, Blende 4.5, Verschlusszeit 1/250, Stativ, Fernauslöser

Vielen lieben Dank, Gortincoiel! Hier geht’s zu ihrem Userprofil. Wir gehen jetzt mal Backzutaten einkaufen. ;)

5 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. Die Beschreibung kommt bei mir genau zur richtigen Zeit.
    Ich beschäftige mich gerade mit dem Thema Food-Fotografie.
    Jetzt weiß ich Bescheid worauf ich achten muss.
    Vielen Dank

  2. Super Tips! Dem Tageslicht stimme ich 100% zu. Was ich bei meinem letzten Shoot noch benutzt habe, ist ein orangenes, dezentes LED Licht von hinten. Das Kantenlicht hat so eine sehr schöne und warme Stimmung geschaffen.

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