Interview: Irinas Reisen

“Manchmal muss man einen Schritt zurück machen, um nach vorne zu kommen”, schreibt unsere Fotografin Irina am Ende ihrer Reise-Aufzeichnungen des ersten Teils ihrer Reise, die sie durch Osteuropa, Russland, Nord- und Zentralasien geführt hat. Letztes Jahr im Februar ist sie mit dem Rucksack losgezogen. Nach einer kurzen Reisepause geht es in diesem Frühjahr weiter. Das Ziel: Alaska. Hier im Interview erzählt uns Irina mehr von ihren Abenteuern.

Digital Camera P42001

Hallo Irina, erzähl uns doch kurz was von dir. Wer bist du und was hast du bisher so gemacht?

Ich komme aus dem Sauerland, bin ein richtiges Land- und Waldkind und habe dort eine schöne Kindheit erlebt und wollte lange Zeit nicht weg von dort. Daher habe ich nach dem Abi im Nachbarort zuerst eine Ausbildung zur Mediengestalterin absolviert. So bin ich damals auch zu Photocase gekommen. Als es nach meiner Lehrzeit in der megakleinen, konservativen Werbeagentur beruflich für mich nicht weiterging, habe ich mich entschlossen noch mal neu anzufangen. Ich bekam den Tipp doch einfach das zu werden, was ich mir als Kind wünschte. Gleichberechtigt neben “Künstlerin” war das immer “Tierverhaltensforscherin” gewesen. Mit diesem Beruf wurde damals Heinz Sielmann untertitelt, dessen Naturdokumentationen ich liebte. Kurzerhand studierte ich also Biologie, in Bochum. Schließlich erfüllte sich mein Kindheitstraum wirklich und ich wurde tatsächlich zu einer Tierverhaltensforscherin. Denn in meiner Diplomarbeit studierte ich das familiäre Sozialverhalten von Waschbären im Müritz-Nationalpark (www.projekt-waschbaer.de). Beruflich weitergehen wird es für mich definitiv in der Erforschung von Wildtieren und/oder im Naturschutz. Da fühle ich mich zu Hause.

Wie bist du auf die Idee für die Reise gekommen?

Der Wunsch eine lange Reise zu unternehmen wuchs und wuchs über viele Jahre. Vermutlich entstanden Grundzüge dieses Traumes bereits in der Pubertät, doch der tatsächlich formulierte Wunsch ist erst etwa 7 Jahre alt. Der Drang in die Ferne oder in die Einsamkeit der Natur zu gehen wurde hauptsächlich erzeugt von Abenteurer- oder Reiseliteratur, die ich verschlang. Bücher waren für mich schon immer der Auslöser bestimmte Orte zu besuchen und haben viele meiner Entscheidungen geprägt. Später kamen Naturdokus hinzu, die den Reisewunsch weiter nährten. Lange Zeit wartete ich auf einen günstigen Zeitpunkt mir diesen Traum zu erfüllen, überlegte mir Taktiken und schmiedete Pläne. Letztendlich war es aber wieder eine berufliche Sackgasse (gescheiterte Doktorarbeitspläne), die es mir ermöglichte von vorne anzufangen – diesmal eben mit der Reise, einem alten Traum, den es zu leben galt. Das Ziel stand auch fest: immer nach Osten, über Land, durch Russland und am Ende nach Alaska, auf die Aleuten.

Und warum hat es dich in Richtung Osten, nach Russland gezogen?

Viele Menschen fragen sich woher sie kommen, beginnen irgendwann nach (familiären) Wurzeln zu fahnden und mir erging es gegen Ende meiner Schulzeit ebenso. Mein kompletter Name ist russischen bzw. slawischen Ursprungs – Irina Muschik. In meiner Familie waren jedoch alle einfach nur deutsch, schon die Großeltern wurden hier geboren. Da diese auch keine Auskunft zu unseren Ahnen geben konnten, habe ich mich über das Erlernen der russischen Sprache versucht dem Geheimnis zu nähern. Im Jahr 2006 hatte ich dann das erste Mal die Möglichkeit nach Russland zu reisen und dort war es dann um mich geschehen. Ich fühlte mich wohl, liebte die einfache Lebensweise, die melancholischen Lieder und die Natur. Heute bedeutet Russland für mich endlose Weite, grandiose Landschaften, Größenwahn, Einfallsreichtum, zickige Diven, Melancholie, Herzlichkeit, soziale Schizophrenie, Absurdität, Einfachheit, Freiheit und noch so vieles mehr. Aufgrund dieser Faszination wollte ich während meiner Reise ein ganzes Jahr in Russland verbringen. Dank der knallharten, russischen Bürokratie hat es am Ende aber leider nur für ein 3-Monats-Visum gereicht und ich musste meine Reiseroute komplett umschmeißen.

Wie bist du unterwegs?

In erster Linie alleine – als ordinäre Backpackerin mit extrem kleinem Geldbeutel. In meinem Rucksack finden sich Zelt, Schlafsack, Isomatte, Militärmesser, Benzinkocher (ein uralter Juwel 34 aus der DDR) und Kochgeschirr, Kamera, kleiner Laptop, Fernglas, GPS, Kompass, ein paar wenige Anziehsachen und noch viel weniger Hygieneartikel. Ich glaube darüber kriegt man schon ein ganz gutes Bild von mir 🙂 Mein Haupt-Fortbewegungsmittel sind Busse, das zweitwichtigste sind Züge und Schiffe und in Russland bin ich sehr häufig per Anhalter gefahren. Fliegen muss ich nur zum Schluss, nach Alaska. Da mein Budget wirklich extrem niedrig ist wollte ich von Anfang an auf Hostels und anderweitige Bezahlunterkünfte verzichten. Ich bin seit fast vier Jahren bei Couchsurfing aktiv und liebe die Möglichkeiten, die einem dieses Hospitality-Network bietet. Man kommt in Kontakt mit Einheimischen oder Expats und kriegt so einen viel intensiveren Einblick in das bereiste Land. Daher befinden sich die Schlafplätze auf meiner Reise immer auf Sofas fremder Menschen oder aber ich liege in meinem Zelt, sofern ich mich in nicht-urbanen Bereichen aufhalte und die Temperatur über -10°C liegt. Bisher habe ich nur fünf Mal bezahlte Unterkünfte genutzt und im Sommer habe ich fast zwei Monate hindurch gezeltet.

Wo warst du schon überall?

Ich bin im Februar 2012 in Deutschland gestartet. Das erste Ziel war Krakau. Von da ging es in die Hohe Tatra und dann bin ich weiter dem Karpatenbogen gefolgt über die Slowakei, die Ukraine und Rumänien. Im Donaudelta habe ich das Schwarze Meer erreicht und es dann über Bulgarien und die Türkei umrundet, um in den Kaukasus zu gelangen. Ich habe sechs Wochen in Georgien gelebt, hatte ein Basislager bei einer Biologin in Tiflis und bin danach über Azerbaijan und das Kaspische Meer nach Kasachstan gelangt. Dort verbrachte ich zwei Monate, inklusive kurzem Trip nach Kirgistan, um danach im Norden nach Russland auszureisen. Während des dreimonatigen Russlandaufenthalts war ich im Altai-Gebirge, am Baikalsee sowie seiner westlichen Umgebung und zuletzt in der Region Primorye, nordöstlich von Vladivostok. Danach bin ich mit dem Schiff nach Südkorea gereist, wo ich einen Monat verbrachte – zur Hochphase des Gangnam-Styles. Meine Finanzen diktierten mir dann aber eine Reisepause, die sich bis Ende März ziehen wird.

Irinas Reiseroute. Grafik: Irina Muschik

Irinas Reiseroute. Grafik: Irina Muschik

Wie geht’s weiter nach dieser Reisepause? Welche Länder stehen auf dem 2. Teil der Reiseroute?

Ich werde meine zwei Hauptziele, lang geträumte Sehnsuchtsorte, besuchen – die Mongolei und Alaska. Zusätzlich steht China auf dem Plan. Ich werde zwei Monate in der Mongolei verbringen, möchte an den Rand der Gobi, nach Karakorum, ins mongolische Altai, in den Norden zu Rentiernomaden usw usf. Danach wird es für einen Monat nach China gehen und zum Schluss für 10 Wochen nach Alaska. Dort werde ich an meinem eigentlichen Endziel – den Aleuten – vielleicht weinend auf die Knie fallen und mir danach noch die Kodiak-Insel, den Denali Nationalpark und den alaskanischen Norden anschauen und hoffe in Dead Horse noch was Lebendes zu finden, bevor es Mitte September endgültig zurück nach Deutschland geht.

Dokumentierst du deine Reise fotografisch? Welche Kameras begleiten dich?

Ja, allerdings habe ich mich entschieden nur eine analoge Kamera mitzunehmen und zwar die völlig schnörkellose, rein mechanische Spiegelreflexkamera Revue ML, die von zweifelhafter Qualität, aber praktischer Robustheit geprägt ist. Sie hat hauptsächlich einen persönlichen Wert für mich. Dazu nur ein einziges Objektiv, ein 50mm 1.8er und einen Pol- und Rotfilter. Eigentlich wollte ich noch meine Vredebox einpacken, aber die war leider zu schwer. In Krakau schenkte (!) man mir eine acht Jahre alte crappy Digiknipse, die bis Georgien einsatzkräftig war. Unterwegs habe ich mir hin und wieder digitale Fotos von anderen Travellern oder Couchsurfern geben lassen und in Russland konnte ich für ein paar Wochen eine Digitalkamera meines Reisebesuchers nutzen. Die alte Revue hat trotz ihrer Robustheit leider etwas Schaden genommen – Objektivaufnahme defekt, daher Fokussierung beeinträchtigt. Beim zweiten Teil der Reise kommt dann meine Canon AE-1 zum Einsatz und ich werde dann diesmal auch eine digitale Kompaktkamera mitnehmen und hoffe, dass ich in der Pampa oft genug die Akkus aufladen kann.

An dieser Stelle geht mein Dank auch an die vielen user hier im Forum, die mich im Vorhinein unterstützt haben. Es wurden mir Filme und Filter zugesandt und noch viel mehr nette Worte. Das fand ich ziemlich überwältigend und unglaublich. Danke besonders an Bratscher, aussi97, Nanduu und leicagirl.

Gibt es einen Blog o.ä. wo man deine Reise mitverfolgen kann?

Nein, nur indirekt. Ich habe während meiner Reise ein Projekt gestartet, bei dem ich Wildbiologen und Naturschützer über Interviews auf meiner Website (www.greentrousers.org) vorstelle. Man kann also dort den Leuten begegnen, denen ich begegnete und deren Projekte ich mir anschauen durfte und deren Gastfreundschaft mir zuteil wurde. Die Website befindet sich immer noch in der Weiterentwicklung und ich will dort demnächst auch die Institute und Nationalparke vorstellen, die ich besucht habe und noch besuchen werde.

Neben meinem eigenen Projekt habe ich bei einer Website mitgemacht, die Abenteurer/Reisende und Wissenschaftler verknüpft. Dadurch habe ich unterwegs Daten für verschiedene Forscher gesammelt, z.B. Schlammproben zur Klimarekonstruktion am Kaspischen Meer und Infos über Pfeifhasen in Zentralasien. Einen kleinen Blog-Eintrag dazu kann man hier finden.

Zusätzlich erscheint schon sehr bald ein kleiner (Reise)-Bericht von mir über die Stadt Tiflis, den ich für die Erstausgabe eines neuen, deutschen Magazins schreiben durfte (www.stadtaspekte.de). Er soll dann auch als online-Artikel zur Verfügung stehen und enthält sogar ein paar fotografische Eindrücke.

Erfahrungen zu meiner persönlichen Reise habe ich bisher nur als Email-Reports an Freunde gesendet und Teile davon hier im Forum veröffentlicht. Ein kleines Update wird demnächst folgen. Vielleicht verspüre ich ja irgendwann den Wunsch meine Erfahrungen auch einer noch breiteren Öffentlichkeit zuteil werden zu lassen, aber momentan wären mir ein Blog oder gar ein Buch zu viel Arbeit. Aber schauen wir mal, was die Zukunft bringt…

Hier noch ein paar fotografische Eindrücke von Irinas Reise und die Geschichte dahinter:

Irina05_CaspianSea_Jul2012-1 Gebt mal bei google “ferry Baku to Aktau” ein und ihr findet schnell heraus, dass es ein ziemlicher Hassle ist auf obiges Schiff zu gelangen und über das Kaspische Meer zu fahren. Doch es geht! In meinem Fall trinkt man einfach Wodka mit den azerbaijanischen Hafenpolizisten, erzählt sich russische Räuberpistolen und diskutiert mit dem Grenzbeamten die Waschbärpopulation im Kaukasus und warum man denn das Glock braucht und kann dann mitten in der Nacht den recht modernen Kahn entern auf dem neben der bierseligen Besatzung, Zugwaggons und kaukasischen Arbeitern nur eine andere Deutsche und ich waren. Unsere Kabine war toll, wir wurden umsorgt, hatten Narrenfreiheit und der Sonnenuntergang am nächsten Tag war klasse. Es hat sich mehr als gelohnt.

Irina07_BeketAta_Jul2012-1 In Kasachstan wollte ich unbedingt in die Umgebung des Ustyurt-Plateaus reisen. Meine einzige Möglichkeit dorthin zu gelangen war sich einer muslimischen Pilgerreise anzuschließen. So fuhr ich mit zehn, meist weiblichen, Gläubigen in einem alten UAZ über viele Schotterpisten durch die unfassbar schöne Landschaft zu den Gräbern von Shopan Ata und Beket Ata, wobei letzterer ein wichtiger Prophet war. Das war einer meiner schönsten Reisetage. Ich habe mit vielen hundert Menschen an allen Ritualen und gemeinsamen Speisungen teilgenommen, bin gesegnet und beschenkt worden und bin im goldenen Abendlicht zurück durch diese magische Landschaftswelt gefahren. Das Foto zeigt einen alten Grabstein auf dem Friedhof in der Nähe des Shopan Ata Grabes.

Спасибо, Irina! Wir wünschen dir für den 2. Teil deiner Reise eine gute Zeit und ganz viele neue spannende Erfahrungen.

Zum Abschluss noch 2 weitere Reiseweisheiten aus ihren Aufzeichnungen:

Es ist immer die richtige Entscheidung, solange es deine ur-eigene ist.

Sag den Menschen, dass sie gut sind und sie sind gut (zu dir).

Interview: an.ne
Fotos: Irina

32 Kommentare Schreib einen Kommentar

  1. ich muss fast heulen, wenn ich das lese, speziell den letzten absatz, ich finde das sooooo großartig was du machst. bruce chatwin (toller reiseerzähler) schrieb einmal sinngemäß, dass das nomadentum der natürliche zustand des menschen ist und ich glaube, er hatte recht. ich wünsche dir weiterhin so schöne erlebnisse und dass du alle deine ziele erreichst.

    liebe grüße, mafied

  2. Jetzt habe ich eine Stunde mit offenem Mund vor dem PC gesessen, diesen Bericht und Irinas Zwischenberichte im Forum (nach)gelesen und bin einfach nur sprachlos!
    Hut ab, Irina, vor deiner Zielstrebigkeit, deinem Mut und deiner Offenheit für die Menschen und die Welt!
    Allzeit gute Fahrt und ich freu’ mich auf mehr!

  3. wie schön, dass deine reise nur positive erlebnisse mit sich bringt!
    ich wünsche dir noch viel mehr glückliche momente, irina. alaska ist bestimmt wunderbar.

  4. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich dir mit Marshrutka entgegengereist: Baku, Kazbegi, Borjomi, Vardzia, etwas länger Tbilisi… und dann mit diesem Küstenbus von Trabzon nach Istanbul. Ach…

  5. Danke! Das ist eine großartige Sache! Ich wünsche eine leichte und gute Reise und zahlreiche Glückssterne!

  6. Toll. Es klingt alles sehr abenteuerlich, aber ohne Gier nach Sensation. Und alles ohne Blog und alles nur mit einem Objektiv…
    Gute Reise weiterhin!

  7. ein wundervoller und angenehm unprätentiöser bericht.
    ich habe immer wieder mal an dich und deine reise gedacht. ich erinnere mich noch gut, als du sie angekündigt hast.
    was für eine tolle erfahrung, was für eindrücke, was für ein bericht!

    alles liebe und gute,
    johnny

  8. finds total klasse, dass du deine reiseerfahrungen mit uns teilst. sehr interessant!
    viel glück für die zukunft!

  9. boa irina. jetzt bin ich echt stolz darauf, dass ich dich in berlin hab kennenlernen dürfen. das is so grandios, was du da machst. du gehst deinen eigenen weg mit soviel mut selbstvertrauen .. das macht mich ganz stolz auf dich 🙂

  10. Super interessantes Reiseziel. Schön zu lesen. Man bekommt richtig fernweh bei diesen Zeilen. Gerne mehr davon!

    Grüße!
    Oliver

  11. Hallo ihr lieben!
    Mensch, danke für die tollen Kommentare hier.
    Ich hoffe ich konnte euch damit ein bisschen anstupsen 😉
    Die Welt ist schön und ungefährlich. Geht raus und guckt nach.
    Wir sehen uns! 😀
    Irina.

  12. Hallo Irina,

    das werden wir machen. Danke für deinen Blog, hat mir sehr gut gefallen. Anstupsen ist noch sehr untertrieben ;o)

    Stephan

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